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Warum wir nicht jede Minute optimieren müssen - & was das Gehirn davon hat

  • Autorenbild: Julia
    Julia
  • 9. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Okt. 2025


Composite collage image of funny young female fall cleaning service washing dishes - via Shutterstock
Composite collage image of funny young female fall cleaning service washing dishes - via Shutterstock


Ein Einkauf als Mini-Urlaub fürs Gehirn

Neulich wollte ich an der Arbeit für einen Projekttag einkaufen fahren. Nach einem Vormittag voller Beratungsgespräche – zwischen Depressionen, Diätwahn und Schlafproblemen wegen zu viel Handykonsum – fühlte sich mein Kopf an wie ein überfüllter Supermarktparkplatz: kein Platz zum Durchatmen, alle Gedanken hupen durcheinander. In solchen Gesprächen muss ich schnell denken, präsent sein, die richtigen Fragen finden.

Der Einkauf dazwischen erschien mir wie ein Segen: eine simple, körperliche Tätigkeit, die mich nicht geistig fordert. Ich freute mich auf diese Pause.


Eine Kollegin hörte davon und meinte spontan, sie komme mit. Eigentlich wollte ich allein fahren, mein Gehirn auf Standby schicken. Aber gut – wir fuhren zusammen, kauften ein, plauderten, lachten. Schön, aber keine Ruhe. An der Kasse, während wir hektisch die Waren aufs Band legten, sagte sie: „Gut, dass wir zusammen gefahren sind – das ist doch total anstrengend.“

Ich blieb an dem Wort hängen: anstrengend.

Für mich sind solche Einkäufe schon oft das Gegenteil gewesen. Kein Denken, kein Planen, nur Tun und die Einkaufsliste abarbeiten. Ich finde das befreiend.


Die unterschätzte Magie alltäglicher Tätigkeiten

Vielleicht ist es gar nicht die Anstrengung, die wir vermeiden sollten, sondern der Gedanke daran. Gerade diese einfachen, alltäglichen Tätigkeiten – Einkaufen, Wäsche aufhängen, Kochen, Rasen mähen – sind kleine Inseln der mentalen Erdung. Sie holen uns aus dem Kopf in den Körper, lassen uns atmen und wieder spüren, dass wir Teil einer Bewegung sind. Diese Momente schenken uns eine leise, fast unspektakuläre Form von Frieden.

Das Alltägliche ist nicht belanglos – es ist das Gegengewicht zu unserer Reizüberflutung. Beim Abwasch sortieren sich nicht nur Teller, sondern auch Gedanken. Beim Staubsaugen wird der Kopf leer, beim Einkaufen klären sich Stimmungen. Es sind diese kleinen Handlungen, die uns unmerklich stabilisieren. Sie geben dem Geist Struktur, ohne dass wir ihn dazu zwingen.


Die Illusion der Selbstoptimierung

Wir leben in einer Zeit, in der Selbstoptimierung fast schon eine Religion geworden ist. Alles soll schneller, effizienter, perfekter funktionieren. Wir kaufen Wäschetrockner, damit wir keine Wäsche mehr aufhängen müssen. Wir bestellen Lebensmittel online, um Zeit zu sparen. Wir lassen Roboter staubsaugen, um Minuten zu gewinnen – doch wofür eigentlich?

Im Alltag sparen wir selten Zeit, um sie bewusst zu genießen. Stattdessen stopfen wir sie mit neuen Aufgaben voll. Noch ein Projekt, noch eine Mail, noch eine To-do-Liste.

Ja, auch solche Phasen dürfen sein – Fokus ist wichtig –, aber sie dürfen nicht zum Dauerzustand werden. Denn wer immer nur beschleunigt, verliert den Takt.

Gerade das Alltägliche ist unser natürlicher Gegenrhythmus. Es sind die kleinen, unscheinbaren Handgriffe, die unser System kalibrieren, ohne dass wir es merken. Vielleicht liegt wahre Selbstoptimierung nicht darin, jede Minute zu maximieren – sondern darin, sie ab und zu ganz bewusst zu verschwenden.


Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis: dass die kleinen Handgriffe des Lebens uns zurückbringen in ein Tempo, das wirklich unseres ist.

Pomodoro für die Seele

Die klassische Pomodoro-Technik funktioniert so: 25 Minuten konzentriertes Arbeiten, gefolgt von 5 Minuten Pause. Nach vier solcher Intervalle gibt es eine längere Auszeit. Wenn du dich auf eine Aufgabe konzentrierst, betrittst du eine Art mentales Trainingslager. Dein Gehirn liebt Klarheit: Es arbeitet am effizientesten, wenn es weiß, wohin es seine Energie schicken soll. Ständige Reize – Nachrichten, Mails, Benachrichtigungen – schwächen diesen Fokus-Muskel. Genau hier setzt Pomodoro an.


Während der fokussierten Phase aktiviert sich der präfrontale Cortex – die Region direkt hinter der Stirn, die für Planung, Zielorientierung und Impulskontrolle zuständig ist. Man kann sie sich wie einen Dirigenten vorstellen, der das Orchester deiner Gedanken koordiniert: Welche Informationen sind wichtig, welche werden ignoriert? Wer Ablenkungen widersteht, trainiert genau diese Steuerzentrale. Studien zeigen, dass sich neuronale Verbindungen im präfrontalen Cortex bei regelmäßigem, konzentriertem Arbeiten stärken – ähnlich wie Muskeln beim Krafttraining.

Die fünfminütige Pause erfüllt ebenfalls einen klaren Zweck: Sie erlaubt dem Gehirn, Adenosin – ein Nebenprodukt intensiver geistiger Aktivität – abzubauen, wodurch du wacher und frischer wirst. Gleichzeitig aktiviert sich das sogenannte Default Mode Network, das im Hintergrund Ideen verknüpft und kreative Einfälle entstehen lässt. Genau deshalb kommen gute Ideen oft dann, wenn wir kurz loslassen.


Die Pomodoro-Methode ist also mehr als ein Zeitmanagement-Trick. Sie ist ein Training fürs Gehirn, das Balance schafft zwischen Fokussieren und Loslassen. Und genau diese Balance finden wir intuitiv auch in den scheinbar banalen Tätigkeiten unseres Alltags.


Das Einfache und Natürliche wieder umarmen

Wenn wir jede „lästige" Tätigkeit eliminieren, rauben wir uns diese Mini-Auszeiten. Wir verlieren die Momente, in denen wir uns – ganz unbewusst – regulieren und wieder bei uns ankommen. Es ist, als würde man versuchen, ein Feuer nur mit Funken zu entfachen, ohne jemals Holz nachzulegen.

Vielleicht sollten wir wieder lernen, das Einfache und Natürliche zu umarmen. Diese kleinen Tätigkeiten – Spülen, Aufhängen, Einkaufen – sind unsere Rettungsringe im Strom der Selbstoptimierung. Sie erden uns, bringen uns zurück ins Hier und Jetzt.


Ich jedenfalls werde den nächsten Einkauf nicht als Last betrachten, sondern als kleine Einladung, kurz anzuhalten. Einen Moment, in dem Gedanken wie frisch gespülte Teller in der Sonne trocknen – klar, ruhig und bereit für Neues. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis: dass die kleinen Handgriffe des Lebens uns zurückbringen in ein Tempo, das wirklich unseres ist.



 
 

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