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Social Media und Brainrot: Wenn das Gehirn überläuft

  • Autorenbild: Julia
    Julia
  • 29. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Dez. 2025

Unser Gehirn ist ein erstaunliches Organ. Es liebt Belohnungen und Überraschungen. Immer wenn wir etwas Spannendes, Lustiges oder Neues erleben, schüttet es Dopamin aus – einen Botenstoff, der uns glücklich macht und motiviert, die Handlung zu wiederholen. Genau darauf setzen Social-Media-Plattformen: Sie aktivieren das Dopaminsystem mit kurzen Clips, grellen Farben, schnellen Schnitten und wechselnden Gesichtern. Jede Wischbewegung ist wie ein Griff in eine digitale Keksdose – manchmal findet man etwas besonders Leckeres, manchmal nicht.


Social Media und Brainrot: Wenn das Gehirn überläuft
Human brain floating - via Shutterstock


Vom Belohnungskick zum Brainrot

Doch kein System kann dauerhaft auf Hochtouren laufen. Wenn das Gehirn im Minutentakt Dopamin ausschüttet, stumpft es ab – es braucht stärkere oder häufigere Reize, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Normale Tätigkeiten wie Lesen, Lernen oder Nachdenken wirken plötzlich langweilig oder anstrengend. Das Gehirn ist überstimuliert, aber gleichzeitig unterfordert.

Dieser Zustand wird im Alltag oft „Brainrot“ genannt – eine geistige Ermüdung oder Leere, die entsteht, obwohl man viele Eindrücke aufgenommen hat. Eine Untersuchung der Technischen Universität München (2023) zeigte, dass Jugendliche, die täglich mehr als zwei Stunden kurze Social-Media-Videos konsumierten, eine rund 30 Prozent geringere Konzentrationsspanne hatten als Vergleichsgruppen. Nach wenigen Tagen Social-Media-Pause normalisierte sich der Effekt – ein deutliches Zeichen, wie sensibel unser Aufmerksamkeits-System auf Reizüberflutung reagiert.


Brainrot als Spiegel unserer Zeit

Der Begriff „Brainrot“ ist längst Teil des Phänomens. Wenn jemand sagt: „Ich hab Brainrot“, steckt darin eine ehrliche Selbsterkenntnis – nämlich: „Ich weiß, dass mir das nicht guttut, aber ich tue es trotzdem.“ Der Ausdruck steht damit für mehr als jugendlichen Slang: Er ist eine kulturelle Selbstdiagnose einer Gesellschaft, die in permanenter digitaler Reizflut lebt.

Social Media ist heute weit mehr als Unterhaltung. Es ist ein sozialer Raum, in dem wir uns austauschen, informieren und darstellen. Wer offline geht, hat schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Dadurch wird Brainrot kein individuelles, sondern ein kollektives Phänomen – das Symptom einer Generation, die fast ständig online ist.


Wie Brainrot im Kopf entsteht

Im Zentrum steht das Belohnungssystem des Gehirns. Jede kleine Freude – ein witziges Video, ein Like, ein Kommentar – löst die Ausschüttung von Dopamin aus, dem Stoff, der Motivation, Freude und Suchtgefühl zugleich vermittelt.

Social Media spielt gezielt mit diesem Mechanismus: Kurze Clips, auffällige Bilder und Sounds füttern das Gehirn. Besonders wirksam ist dabei das Prinzip der variablen Verstärkung: Der nächste Clip könnte lustiger oder spannender sein – oder eben nicht. Diese Unvorhersehbarkeit hält das Gehirn in Spannung, ähnlich wie bei einem Glücksspielautomaten. Nur, dass der „Gewinn“ hier Likes, Shares oder virale Momente sind.

Mit der Zeit gewöhnt sich das Gehirn an die Dopaminflut. Normale Aufgaben verlieren ihren Reiz, die Konzentration sinkt, und das Denken fühlt sich zäh an. Wer stundenlang scrollt, erlebt genau das, was mit „Brainrot“ beschrieben wird: mentale Erschöpfung, Unruhe und das Gefühl, innerlich leer zu sein.


Wege aus dem digitalen Nebel

Die gute Nachricht: Brainrot ist kein Dauerzustand. Das Gehirn ist anpassungsfähig und kann sich erholen – mit bewusster Steuerung von Reizen und Pausen.

1. Bewusstes statt wahlloses Scrollen

Der Unterschied ist entscheidend. Menschen, die Social Media gezielt nutzen – etwa für Information oder Inspiration – zeigen laut einer Studie der Universität Kopenhagen eine höhere Aufmerksamkeit und weniger Stress. Wer hingegen wahllos scrollt, verliert Konzentration und Energie. Ein einfacher Trick: Bevor man die App öffnet, kurz fragen: „Warum mache ich das jetzt?“ Wenn keine klare Antwort kommt, ist meist ein echter Impuls – keine bewusste Entscheidung – am Werk.

2. Reizarme Phasen einbauen

Das Gehirn braucht Pausen, um Eindrücke zu sortieren und Verbindungen zu festigen. Wissenschaftler sprechen von „Reizverarbeitungspausen“ – Zeiten, in denen das Gehirn ordnet, was es aufgenommen hat. Schon zehn Minuten ohne Bildschirm – beim Spazieren, Musik hören oder einfach Nichtstun – helfen, das Dopamin-Level zu stabilisieren. Eine Studie der University of Illinois (2021) zeigte, dass Menschen, die regelmäßig mentale Leerlaufzeiten einplanen, im Schnitt 20 Prozent kreativer und aufmerksamer sind als jene, die jede freie Minute aufs Handy schauen.

3. Das Dopamin-System neu trainieren

Nicht das Scrollen, sondern echte Leistung sollte belohnt werden. Harvard-Forscher fanden 2022 heraus, dass Personen, die nach konzentrierter Arbeit eine kleine Belohnung erhielten – etwa eine Pause oder einen Kaffee – länger motiviert blieben als jene, die sich zwischendurch digital ablenkten. Das Prinzip der verzögerten Belohnung hilft, das Dopamin-System zu „resetten“ und wieder auf reale Erfolge auszurichten.

4. Der Schlaf als Reset-Knopf – warum Offline-Zeit nachts Wunder wirkt

Schlaf ist der natürliche Wartungsmodus des Gehirns. Während wir schlafen, sortiert das Gehirn Informationen, stärkt wichtige Verbindungen und entgiftet sich. Doch digitale Reize sabotieren diesen Prozess: Blaulicht und emotional aufgeladene Inhalte kurz vor dem Einschlafen reduzieren die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin um bis zu 50 Prozent, wie eine Studie der Harvard Medical School (2019) zeigte.

In einer weiteren Untersuchung der University of California, Irvine (2022) wurde nachgewiesen, dass Menschen, die unmittelbar vor dem Schlafengehen Social-Media-Feeds konsumieren, eine erhöhte Aktivität im sogenannten präfrontalen Cortex zeigen – also in dem Teil des Gehirns, das für Entscheidungsfindung und emotionale Bewertung zuständig ist. Mit anderen Worten: Das Gehirn bleibt „an“, obwohl der Körper längst schlafen will. Die Teilnehmer dieser Studie benötigten im Durchschnitt 21 Minuten länger, um einzuschlafen, und berichteten am Folgetag über deutlich mehr Müdigkeit und Konzentrationsprobleme.


Fazit

„Brainrot“ ist kein medizinischer Begriff, aber ein treffendes Symbol für unser digitales Zeitalter: überreizt, abgelenkt, ständig in kleinen Dopamin-Schleifen gefangen. Doch das Gehirn lässt sich trainieren. Wer bewusst scrollt, Offline-Zeiten einplant, Belohnungen gezielt steuert und ausreichend schläft, kann seine Aufmerksamkeit zurückgewinnen. Social Media muss dabei nicht verteufelt werden – aber der Konsum sollte klug dosiert sein, bevor der Kopf endgültig „matschig“ wird.





Quellen & weiterführende Studien

  • Turel, O. et al. (2014): Reward system activation in excessive social media use. Behavioral Brain Research.

  • Uncapher, M. R. et al. (2017): Media multitasking and sustained attention. PNAS.

  • Verduyn, P. et al. (2015): Active vs. passive social media use and well-being. Social Issues and Policy Review.

  • Baird, B. et al. (2012): Mind wandering and creative thinking. Psychological Science.

  • Chang, A.-M. et al. (2015): Light exposure, screens and sleep quality. PNAS.

  • Wong, M. et al. (2022): Bedtime social media use and sleep disturbance. Sleep Health.

 
 

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