Meine Großmutter lebte „That Girl“, bevor es Trends gab
- Julia

- 27. Okt. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Dez. 2025
Wenn meine Großmutter morgens aufsteht, macht sie als erstes ihre Dehnübungen.
Wenn meine Großmutter morgens aufsteht, macht sie als erstes ihre Dehnübungen. Nicht auf einer Yogamatte in Beige, sondern direkt neben dem Bett, eingeklemmt zwischen Nachttisch und einem Stuhl, der seit Jahren als Zeitschriftenablage missverstanden wird. Es knackt ein bisschen, sie atmet tief ein, als würde sie ihrem Körper freundlich, aber bestimmt sagen: „So, wir müssen da jetzt gemeinsam durch.“ Danach geht sie hinaus, um die Fensterläden vom Garten aus zu öffnen – diese schweren Holzläden außen an alten Häusern, die man nicht elegant hochzieht, sondern mit einem satten Schwung aufstößt, als würde man dem Tag die Tür aufmachen. Licht strömt herein, Schnee, Stille, Steppe. Nordkasachstan, ein Dorf, flaches Land bis zum Horizont. Heute Morgen sind es -20 Grad, - was mich innerlich kurz schmunzeln lässt: Bei dieser Temperatur kann sie sich das morgendliche Eiswasser sparen. Der Kälteschock kommt gratis.

Eine Morgenroutine ohne Hashtag
Nach dem Dehnen gibt es Frühstück. Kein Superfood-Bowl-Wettbewerb, kein „What I eat in the morning“, sondern Haferflocken. Punkt. Hafer ist günstig, sättigend und überall verfügbar – Kasachstan hat schließlich landwirtschaftliche Flächen, bei denen andere Länder neidisch werden könnten. Sie gießt Milch darüber, die sie beim Bauern um die Ecke gekauft hat. Kühe, die den ganzen Tag in der Steppe grasen, keine Werbebotschaften, kein Etikett mit glücklichen Comic-Kühen, einfach Milch. Dazu kommen Beeren aus dem eigenen Garten, im Sommer gepflückt, eingekocht und als Kompott im Keller gelagert, wo es nach Erde und Geduld riecht. Selbst gemacht, selbstverständlich. Und ja, sie trinkt Zitronenwasser. Nicht aus einem Designer-Glas, sondern aus dem, das gerade sauber ist. Eier gibt es auch manchmal – von Hennen aus dem Stall, mit viel Auslauf, viel Dreck und sehr wenig Instagram-Potenzial. Heute würde man sagen: Bio-Hafer, Bio-Milch von Kühen mit Steppe-Flatrate, nachhaltige Beeren ohne Transportkosten, regionale Eier. Damals war das kein Lebensstil, sondern schlicht Alltag.
Wenn alte Selbstverständlichkeiten plötzlich Trends werden
Wenn ich heute den „That Girl“-Trend sehe, mit perfekt choreografierten Morgenroutinen, weichgezeichnetem Licht und Zitronenwasser, das aussieht, als hätte es einen eigenen Social-Media-Manager, denke ich oft: Meine Großmutter macht das alles – nur ohne Ringlicht. Stretching? Ja. Frische Luft? Ja. Gesundes Frühstück? Ja. Lockenwickler über Nacht? Absolut, und zwar ohne Ironie. Früher hat sie 40 Stunden die Woche gearbeitet, sich geschminkt, den Haushalt geführt, gleich drei Gärten zur Selbstversorgung bewirtschaftet, Kinder großgezogen – und dabei keine Sekunde geahnt, dass sie damit heute mühelos mehrere gesellschaftliche Debatten gleichzeitig verletzt. Puh. Toxisch, würden manche heute sagen. Oder eben: That Girl. Nur ohne Filter und ohne den Druck, dabei auch noch erleuchtet auszusehen.
Die falsche Einstellung macht alles kaputt
Das Spannende ist ja: Die Dinge selbst sind gar nicht neu. Bewegung, gutes Essen, frische Luft, Dankbarkeit – all das gab es schon, lange bevor jemand es in Reels gepackt und mit Affiliate-Links versehen hat. Der Unterschied liegt nicht im Was, sondern im Warum. Heute können wir alles „richtig“ machen und uns trotzdem fühlen, als wären wir in einem nie endenden Bewerbungsgespräch mit uns selbst. Dankbarkeit wird zur Pflichtübung, Sport zur Selbstkontrolle, gesunde Ernährung zur moralischen Prüfung. Der Gedanke der Selbstoptimierung legt sich wie eine unsichtbare Excel-Tabelle über den Alltag. Jeder Tag wird bewertet, jeder Morgen bekommt eine Note. So werden eigentlich gute Dinge plötzlich schwer, so als müsste man beim Zähneputzen gleichzeitig beweisen, dass man ein besserer Mensch ist.
Leben im Vergleichsmodus
Früher hat meine Großmutter morgens niemanden gesehen, der angeblich schon um fünf Uhr aufgestanden ist, eine Stunde meditiert, einen Marathon gelaufen und nebenbei noch ein Start-up gegründet hat. Heute schauen wir beim Aufwachen erst mal auf unser Handy und sind innerhalb von drei Minuten mental im Vergleichsmodus. Sie ist disziplinierter. Er ist strukturierter. Alle anderen scheinen ihr Leben besser im Griff zu haben, während man selbst noch mit einem offenen Auge versucht, den Tag zu begrüßen. Dieser ständige Vergleich macht aus dem Leben eine Art Casting-Show, bei der man nie genau weiß, nach welchen Kriterien man eigentlich bewertet wird. Kein Wunder, dass Routinen dann nicht mehr nähren, sondern ermüden.
Natürlichkeit ohne Konkurrenz
Meine Großmutter lebte „That Girl“, bevor es Trends gab. Sie hat nie darüber nachgedacht, ob ihre Morgenroutine „genug“ ist. Sie musste niemanden überholen, niemandem etwas beweisen. Sie hat nicht versucht, die beste Version ihrer selbst zu werden, sondern einfach eine funktionierende. Eine, die satt ist, beweglich bleibt und den Tag übersteht. Diese Abwesenheit von Konkurrenz macht einen riesigen Unterschied. Wenn man Dinge tut, weil sie sinnvoll sind, nicht weil sie einen Vergleich gewinnen müssen, werden sie leicht. Dann ist Bewegung kein Statement, sondern Erleichterung. Dann ist gesundes Essen keine Ideologie, sondern Versorgung. Natürlichkeit entsteht dort, wo niemand zuschaut – und wo niemand mitmisst.
Von innen leben statt von oben betrachten
Vielleicht ist das eigentliche Problem unserer Zeit, dass wir unser Leben ständig von oben betrachten, wie ein Projekt, das man optimieren und dokumentieren muss. Wir stehen daneben und bewerten uns selbst, anstatt mitten drin zu sein. Meine Großmutter lebt ihr Leben nicht aus der Vogelperspektive. Sie steckt knietief im Alltag, mit den Händen im Teig, dem Rücken in der Sonne und den Gedanken bei dem, was als Nächstes zu tun ist. Sie fragt nicht: „Wie wirkt das?“ sondern: „Was braucht es jetzt?“
Ein Rhythmus, der trägt
Ihr Leben folgt keinem optimierten Zeitplan, sondern einem Rhythmus. Aufstehen, wenn der Körper wach ist. Arbeiten, wenn das Licht da ist. Ruhen, wenn es dunkel wird. Dieser Rhythmus ist nicht romantisch verklärt, er ist manchmal anstrengend, manchmal monoton. Aber er ist ehrlich. Er zwingt sie nicht, jeden Tag neu zu erfinden, sondern erlaubt Wiederholung. Und Wiederholung ist etwas, das wir verlernt haben zu schätzen. Wir wollen ständig das nächste Level – dabei vergessen wir, wie beruhigend es sein kann, wenn Dinge - oder auch Menschen - einfach bleiben dürfen.
Routinen, die nicht beeindrucken müssen, haben etwas Tröstliches. Sie sind wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann, ohne darüber nachzudenken. Meine Großmutter braucht keine Motivation, um ihre Dehnübungen zu machen. Sie weiß einfach, dass ihr Körper danach besser funktioniert. Kein innerer Applaus, kein schlechtes Gewissen, wenn es mal weniger ist. Nur eine stille Übereinkunft mit sich selbst: Ich kümmere mich, damit ich weitermachen kann.
Genug ist wirklich genug
Vielleicht ist das Positivste an ihrem Lebensstil dieses tiefe Gefühl von Genug. Nicht im Sinne von Verzicht, sondern im Sinne von Sättigung. Genug Bewegung, genug Essen, genug Anstrengung für heute. Sie jagt keinem Ideal hinterher, sondern hält ihren Alltag am Laufen. Und genau das wirkt von außen so beneidenswert ruhig. Wer nicht ständig mehr will, muss sich nicht dauernd vergleichen.
In einer Welt, die uns einredet, wir seien immer nur eine bessere Version von uns selbst entfernt vom Glück, wirkt dieses Genug fast radikal. Aber es befreit. Es nimmt Druck raus. Es erlaubt Fehler, Pausen, unproduktive Tage. Meine Großmutter würde nie sagen: „Ich hätte heute mehr aus mir machen müssen.“ Sie würde sagen: „Heute war genug.“ Und morgen ist ein neuer Tag.
Ein ruhiger Gedanke zum Schluss
Vielleicht müssen wir gar nicht alles neu lernen. Vielleicht müssen wir uns nur erinnern. Daran, dass Fürsorge nichts mit Leistung zu tun hat. Dass ein gutes Leben nicht laut sein muss. Dass man gesund leben kann, ohne daraus eine Identität zu machen.
Meine Großmutter wird auch morgen ihre Fensterläden öffnen. Nicht symbolisch, nicht bewusst inszeniert, sondern weil es hell werden soll im Haus. Und vielleicht ist das das schönste Bild dafür, wie Leben auch sein kann: Man öffnet sich dem Tag nicht, um etwas darzustellen, sondern um ihn hereinzulassen. Ohne Vergleich, ohne Bewertung, ohne Publikum. Einfach, weil man da ist. Und weil das reicht.













